BVCD,Campingplatz,Menschen,News,Saison 2023,Zukunft Ist die Campingplatzbranche fit für die Zukunft? – Interview mit Stefan Zierke vom BVCD

Ist die Campingplatzbranche fit für die Zukunft? – Interview mit Stefan Zierke vom BVCD

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Der Boom innerhalb der Campingbranche hält an. Viele Neueinsteiger haben die Urlaubsform für sich entdeckt. Dadurch ergeben sich neue Fragen und Herausforderungen für die gesamte Freizeitbranche.

Eine Gretchenfrage lautet: Wohin mit den ganzen Campingfreunden? Kann das Angebot auf den Campingplätzen mit den Anforderungen Schritt halten? Welche Lösungen sieht und entwickelt der Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland e.V. (BVCD e.V.) für seine Mitgliedern?

Wir haben mit Stefan Zierke, seit März 2022 neuer Präsident des BVCD über die aktuelle Situation und den Ausblick gesprochen.

Stefan Zierke: Seit März 2022 der neue Präsident des BVCD. (Foto: Zierke)

Stefan Zierke: Seit März 2022 der neue Präsident des BVCD. (Foto: Zierke)

Frage: Herr Zierke, Sie sind ja als Reiseverkehrskaufmann und Touristikfachwirt ein von der Pike auf gelernter Touristiker, sind Sie denn auch ein begeisterter Camper?

Antwort: Ich bin seit Kindheitstagen ein leidenschaftlicher Camper. Seit Jahrzehnten fahre ich mit meiner Familie in Deutschland und Europa in den Campingurlaub, um mich zu erholen und die Nähe zur Natur zu genießen. Das ist ein toller Ausgleich für die politische Arbeit in meinem Wahlkreis und in Berlin.

Frage: Seit März ’22 sind Sie neuer Präsident des BVCD. In dieser Funktion sind Sie, gemeinsam mit Christian Günther (GF) im Juli diesen Jahres auf eine fünftägige Campingplatztour gegangen und haben neun Campingplätze ihrer Mitglieder besucht. Welche Einblicke haben Sie dort gewonnen? Wo drückt den Mitgliedsbetrieben besonders der Schuh?

Antwort: Im ersten Jahr meiner Präsidentschaft war es mir sehr wichtig, verschiedene Campingplätze anzusehen und mir ein Bild von den Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten in den verschiedensten Regionen zu machen. Die Campingplatzbetreiberinnen und -betreiber leisten mit viel Engagement und Kreativität einen großen Beitrag für die Wirtschaft, den Tourismus sowie für die Erholung von vielen Menschen in ganz Deutschland. Obwohl die Campingplätze auf ihre Art verschieden sind, gibt es einige gemeinsame Herausforderungen: Der Fachkräftemangel, die gestiegenen Energiekosten sowie die klimatischen Veränderungen sind Baustellen bei denen die Betreibenden politische und wirtschaftliche Unterstützung benötigen.

Stichworte: E-Mobilität und Schaffung von Infrastruktur

Frage: Bei den auf ihrer Campingplatztour gewonnenen Einblicken waren ja auch viele Aspekte dabei, die ein Verband für seine Mitglieder wahrnehmen muss. So wird es bei der E-Mobilität und der Schaffung von Infrastruktur auf den Campingplätzen (mobile Ladesäulen) oder der Digitalisierung der Buchungsverfahren darauf ankommen, möglichst effektive und idealerweise einheitliche Rahmenbedingungen für die Platzbetreiber zu schaffen. Hilft der BVCD bereits jetzt an der Schaffung dieser Regeln mit? Wie?

Antwort: Der Verband hat bei dieser Thematik zwei Aufgaben und nimmt diese auch wahr: Zum einen auf die Exekutive (die zuständigen Ministerien) und die Legislative (z.B. die Mitglieder des Verkehrsausschusses) zugehen, um diesen die Anliegen unserer Branche zu vermitteln sowie Lösungen zu finden und zum anderen die Camping- und Wohnmobilstellplätze zu informieren und rechtzeitig für die Thematik zu sensibilisieren.

Camping ist für Urlaubsregionen eine wirtschaftlich sehr attraktive Urlaubsform. Wissen das die Bürgermeister überhaupt?

Frage: Im Jahr 2021 sind über 33 Mio. Übernachtungen auf den deutschen Campingplätzen gezählt worden (Quelle: Statista). Camper lassen am Urlaubsort vor Ort und in der Region statistisch gesehen rund 48 Euro pro Person und Tag (Quelle CIVD). Camping ist für die Urlaubsregionen in Deutschland eine wirtschaftlich sehr attraktive Urlaubsform. Wissen das die Entscheider in den Kommunen auch? Leistet der BVCD dort Aufklärungs – und Öffentlichkeitsarbeit für die Mitgliedsbetriebe und somit auch für alle Campingfreunde?

Antwort: Dem Camping-Boom kann sich keine Kommune entziehen, nicht zuletzt wegen der medialen Präsenz der letzten Jahre. Mit unseren föderalen Strukturen und den 11 Landesverbänden sowie meinPlatz sind wir in diesem Bereich gut aufgestellt. Mit dem Bundesverband stehen wir zudem beratend gern zur Seite. In Zukunft möchten wir aber stärker proaktiv auf die Kommunen zugehen. Insbesondere möchten wir die Entscheidungsträger in den Kommunen hinsichtlich der ungleichen Verteilung der Gäste und der unterschiedlichen Zielgruppen sensibilisieren und beraten.

Camping mit Kindern. Eine gute Kombination. (Foto: lentemamaatje; pixabay.com)

Camping mit Kindern. Eine gute Kombination. (Foto: lentemamaatje; pixabay.com)

Freiheit und Abenteuer?

Frage: Stichwort: Reiseverhalten. In sozialen Foren liest man zunehmend, dass Camper das Gefühl von Freiheit und Abenteuer verlieren. “Früher war man noch wirklich frei!” ist ein Satz den man immer mal wieder liest. Müssen – nach ihren Erkenntnissen – Campingplätze also immer früher reserviert werden, oder kann man einfach losfahren und dem Motto: “Heute hier, morgen dort!” folgen?

Antwort: Ich finde nach wie vor, dass Campingurlaub ein starkes Gefühl von Freiheit vermittelt. Ja, in der Hauptsaison, in den Hotspots wird es oft schwierig ohne Buchung im Voraus. Unsere Branche ereilt jetzt ein Schicksal, welches andere Formen des Tourismus oder einzelnen Destinationen schon ewig kennen. Versuchen Sie mal ein Hotel zum Oktoberfest in München oder eine Ferienwohnung im Juli auf Rügen last-minute zu buchen… Sofern die Nachfrage nach dieser „Freiheit“ groß ist, wird sich aus dem breiten Angebot ein für sich passender Platz finden lassen.

Frage: Dazu passt auch die Frage zum Phänomen PopUp-Camps. Insbesondere in den zwei schweren Pandemiejahren 2020 und 2021 sind Stellplätze auf privaten Grundstücken entstanden, die von Privat zu Privat Übernachtungen gerade für Reisemobilfahrer anbieten. Häufig gibt es dort keine Ver- und Entsorgung. Und auch Strom steht nicht zur Verfügung. Einzelne Bundesländer (SH) haben diese Form des Stehens für Freizeitfahrzeuge bereits verboten. Wie steht der BVCD zu sog. PopUp-Camps?

Antwort: Egal ob Pop-up-Camps oder das Stehen im Privatbereich – Die genaue Form spielt keine wesentliche Rolle. Aus unserer Sicht ist entscheidend, dass für alle Marktakteure die gleichen gesetzlichen Rahmenbedingungen Grundlage sind, diese sollten sicherlich nach Größe skalierbar sein. Am Ende müssen vor allem Naturschutz, Brandschutz, Betretungsverbote und die Eindämmung sonstiger Störfaktoren gewährleistet sein.

Frage: Glamping ist ein weiterer Trend, den man in den letzten Jahren durchaus beobachten kann. Demgegenüber rühmt sich die Campingbranche gerne, dass man mit dem Reisemobil und Caravan sehr naturnah reisen kann. Haben die Campingplatzbetreiber auf ihren Parzellen bereits konkret auf die – scheinbar – gegenläufigen Richtungen reagiert? Wie?

Antwort: Wir beobachten vermehrt, dass die Camping- und Wohnmobilstellplätze stärker die einzelnen Zielgruppen separieren und dies sich auch in entsprechender Platzgestaltung widerspiegelt. Auch die Camping-Branche macht vor diesen Trends keinen Halt und wird in Zukunft passgenaue Angebote bereithalten.

screenshot Webseite NCT

screenshot Webseite NCT

Branchentreff voraus: Der 7. Norddeutsche Campingtag

Frage: In wenigen Tagen steht mit dem 7. Norddeutschen Campingtag (NCT) in Lübeck-Travemünde ein wichtiges Branchentreffen bevor. Sie werden dort zum ersten Mal in leitender Funktion anwesend sein. Welche Vorträge oder Diskussionsrunden werden auf diesem Treffen für Sie besonders interessant?

Antwort: Ich freue mich sehr auf den anstehenden Norddeutschen Campingtag in Travemünde. Der NCT bietet gerade in diesen aktuellen herausfordernden Zeiten einen tollen Raum, um uns auszutauschen, wie wir die Campingbranche fit für die Zukunft machen und Deutschland als Tourismusstandort stärken. Für mich ist daher besonders interessant, dass uns das Programm wichtige Impulse geben möchte, die die Camping-Branche weiter ermutigen werden, das Potential der auf uns zukommenden Veränderungen zu nutzen, um sich weiter gut aufzustellen. Spannend wird dabei z.B. der Vortrag von Thorsten Reich zu den aktuellen (Tourismus)- Trends und wie die Branche daraus lernen kann. Des Weiteren warten auch eine Reihe von praktischen und pragmatischen Empfehlungen und Handlungstipps auf uns, die hoffentlich eine gute Unterstützung für die Arbeit vor Ort sein werden. Am meisten freue ich mich, aber auf das Zusammentreffen mit den Teilnehmenden. Ein persönlicher Austausch ist in aktuellen Zeiten so wichtig und wertvoll.

Frage: Lassen Sie uns, Herr Zierke, gemeinsam einen kurzen Blick in die Zukunft wagen. Werden die Campingplätze in Deutschland auch in den nächsten Jahren noch erste Anlaufstelle für die Reisefreunde bleiben und wird es nach ihrer Einschätzung mehr Campingplatzflächen in Deutschland geben?

Antwort: In einigen Regionen werden Kapazitätserweiterungen nicht mehr möglich sein, ohne dass es im Gegenzug zu negativen Folgen des Overtourismus kommen wird. Insbesondere für Betriebe außerhalb der bekannten ‚Hotspots‘ ergeben sich hier Potentiale und somit auch neue Kunden. Ich bin voller Optimismus, dass die nächsten Jahre für die Campingwirtschaft erfolgreich werden.

Herr Zierke, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Das Gespräch haben wir per Email und Webex im November 2022 vor der Durchführung des 7. Nordddeutschen Campingtag geführt. Interviewer: Thomas Schmies


Webseite des BVCD: https://www.bvcd.de/

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Info Box BVCD

Der Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland e.V. (BVCD e.V.) wurde am 10. November 2000 als Dachverband und Interessenvertretung der Camping- und Wohnmobilstellplatzunternehmer zur Förderung des Campingtourismus in Deutschland gegründet. Sitz des Verbandes und der Geschäftsstelle ist Berlin.
Der Bundesverband ist analog des föderalen Systems der Bundesrepublik Deutschland ausgerichtet. Mitglieder des BVCD e.V. sind 11 Campingverbände der Bundesländer sowie eine Stellplatz- und Campingplatzgemeinschaft. Insgesamt vertritt der Bundesverband mehr als 1.200 Campingplätze in Deutschland.

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Info Box Stefan Zierke

Geboren am 5. Dezember 1970 in Prenzlau; verheiratet; zwei Kinder.1977 Polytechnische Oberschule Lindenschule Prenzlau; 1987 Lehre zum Werkzeugmacher im Armaturenwerk Prenzlau; 1991 Werkzeugmacher im Armaturenwerk Prenzlau; 1991 Lehre zum Reiseverkehrskaufmann (IHK Potsdam); 1993 Reiseverkehrskaufmann/Expedient bei BAF Reisen Prenzlau; 1994 Leiter der Reisebüros der Volksbank Uckermark eG; 1997 Weiterbildung zum Touristikfachwirt (IHK zu Berlin); 2003 Geschäftsführer des Tourismusverbandes Uckermark e.V.; 2005 Geschäftsführer tmu Tourismus Marketing Uckermark GmbH.Seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. U.a. seit 2021 Mitglied im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages und tourismuspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

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Info Box Fakten

In Deutschland gibt es mehr als 2.800 geöffnete Campingplätze mit rund 209.100 angebotenen Stellplätzen. Die meisten Campingplätze befinden sich in Bayern, gefolgt von Niedersachsen und Baden-Württemberg. Gemessen an der Anzahl der Stellplätze gehört auch Mecklenburg-Vorpommern mit rund 26.700 angebotenen Stellplätzen neben Bayern und Niedersachsen zu den Top drei Bundesländern im deutschen Campingtourismus.

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